Bochums Versiegelungskarte: ein Instrument, vier Jahre alt
Die Stadt hat sich 2022 ein flächenscharfes Messinstrument für die Versiegelung gebaut und dessen jährliche Fortschreibung angekündigt. Gemessen hat es bislang einmal.
Mit KI-Unterstützung erstellt: Recherche, Datenauswertung und Textentwurf von einem KI-Assistenten, Redaktion und Freigabe von Wolf Witte. Verbindlich sind die verlinkten Originaldokumente.
Im Mai 2022 stellte das Amt für Geoinformation dem Umweltausschuss die neue Versiegelungskarte vor (Vorlage 20220607). Die Stadt hatte erstmals flächenscharf berechnen lassen, wie viel Bochumer Boden bebaut, asphaltiert oder anderweitig versiegelt ist, nach eigener Aussage mit Daten, „die bisher keine vergleichbare Kommune so zur Verfügung stellt”. Die Vorlage kündigte an, die Berechnung jährlich im ersten Quartal zu wiederholen, bat für Vergleiche um Geduld bis zur dritten Berechnung im Frühjahr 2023 und stellte in Aussicht: „Darstellungen zu Veränderungen etc. sind hier ebenfalls ab der dritten Berechnung vorgesehen.”
Der städtische Kartendienst, der hinter der Versiegelungskartierung auf bochum.de liegt, lässt sich maschinell abfragen. Eine Abfrage vom 30. Juli 2026 ergibt: Alle 383.069 erfassten Flächen tragen den Berechnungsstand „2022.1.1”, die Kennung der zweiten Berechnung. Das Kartenfenster der Stadt nennt als Stand „März 2022”. Auch die Fachmetadaten im Geoportal Ruhr führen als letzte Datenrevision den 1. Januar 2022, bei eingetragener Fortschreibung „jährlich”. Eine dritte Berechnung ist öffentlich nicht auffindbar.
Zwei Anzeigen können dabei täuschen, deshalb der Hinweis: Die Portaloberfläche zeigt „Kontinuierliche Aktualisierung” und eine Änderung „vor 3 Monaten”. Ersteres ist das eingetragene Fortschreibungsintervall, Letzteres betrifft den Katalogeintrag, nicht die Daten. Der Katalog wird gepflegt; der Datensatz steht.
Wie das Instrument entstand
Das Kataster entstand über eine Kette von Anfragen, Verwaltungsmitteilungen und Kenntnisnahmen.
| Datum | Vorgang | Was geschah |
|---|---|---|
| 11/2021 | Anfrage nach einem Entsiegelungskonzept (20213771, auf Anregung des Naturschutzbeirats) | an die Verwaltung |
| 03/2022 | Antwort der Verwaltung (20220520) | Kenntnisnahme |
| 05/2022 | Versiegelungskarte 2022 (20220607) | vorgestellt; jährliche Fortschreibung angekündigt |
| 09–11/2022 | Entsiegelungspotenzialkataster (20222531) | Kenntnisnahme |
| 02–05/2023 | Anfragen zu Digitalisierung des Katasters und geplanten Entsiegelungen (20230311, 20230076 u. a.) | beantwortet |
| 05/2023 | „Flächenverbrauch-Stopp bis 2030” (20231069) | Beratungsstatus laut Plattform: beschlossen |
| 10/2024 | Projekt „Tegelwippen” (20242393) | Beratungsstatus laut Plattform: beschlossen |
| 12/2024 | Entsiegelung und Entsiegelungspotenziale (20242792) | Kataster in Betrieb; ab 2025 jährlicher Bericht über entsiegelte städtische Flächen |
Beratungsstatus „laut Plattform”: aus den auf transparent.ruhr hinterlegten Beratungsergebnissen, Stand 11. August 2026. Der genaue Beschlusswortlaut zu 20231069 ist für diesen Entwurf noch nicht ausgewertet.
Was die Karte zeigt
Der Datensatz von 2022 ist auch heute aufschlussreich. Eine für dieses Dossier erstellte Auswertung der Vektordaten (Abfrage 30. Juli 2026, Lizenz CC BY 4.0, Quelle: © Stadt Bochum) ergibt über 14.560 Hektar erfasster Fläche einen mittleren Versiegelungsgrad von rund 39 Prozent; die Stadt selbst nennt 37,9 Prozent, die Differenz entsteht durch eine Klassenmitten-Näherung der Auswertung. Ein Drittel des Stadtgebiets ist fast vollständig versiegelt, gut 44 Prozent gering. Nach Stadtbezirken reicht die Spanne von rund 30 Prozent im Süden bis knapp 50 Prozent in Mitte.
Karte: eigene Darstellung. Mittlerer Versiegelungsgrad je 250-Meter-Zelle, flächengewichtet aus allen 381.699 Einzelflächen des städtischen Kartendienstes berechnet (Abfrage 11. August 2026; Näherung über Klassenmitten und Flächen-Umgriffe, auf das Stadtgebiet zugeschnitten). Datengrundlage CC BY 4.0, © Stadt Bochum; Bezirksgrenzen als Orientierung.
| Stadtbezirk | Versiegelungsgrad (Näherung) |
|---|---|
| Mitte | 49,9 % |
| Wattenscheid | 42,1 % |
| Ost | 37,2 % |
| Südwest | 36,5 % |
| Nord | 35,5 % |
| Süd | 29,9 % |
Die Gegenrechnung fehlt
Seit Ende 2024 ist ein jährlicher Bericht über entsiegelte städtische Flächen angekündigt. Über neu versiegelte Flächen wird nicht berichtet; eine veröffentlichte Bochumer Neuversiegelungszahl in Quadratmetern existiert nicht. Wer wissen will, ob Bochum unterm Strich grüner oder grauer wird, findet dazu keine städtische Zahl.
Was es gibt, sind Näherungen von außen. Das Siedlungsflächenmonitoring des RVR weist für Bochum 2020 bis 2022 rund 90 Hektar neu in Anspruch genommener Fläche für Wohnen und Gewerbe aus, davon der größte Teil auf bereits als Siedlungsraum geführten Flächen; die Inanspruchnahme von Freiraum hat sich gegenüber der Vorperiode etwa halbiert. Die amtliche Flächenstatistik von IT.NRW wiederum zeigt eine leicht sinkende Siedlungs- und Verkehrsfläche, taugt aber wegen Umklassifizierungen nicht als Beleg für tatsächlichen Rückbau. Kataster, Monitoring und Statistik messen Verschiedenes über verschiedene Zeiträume; zu einer Bilanz lassen sie sich nicht zusammensetzen. Dass eine solche Netto-Aussage derzeit nicht möglich ist, ist selbst der Befund.
Dabei wäre das Kataster genau dafür gebaut. Die Vorlage von 2022 sah Veränderungsdarstellungen ausdrücklich vor. Es ist gut möglich, dass schlicht Kapazitäten fehlen oder eine dritte Berechnung intern existiert und nur nicht veröffentlicht wurde; die Vorlage selbst hatte 2022 zur Geduld gemahnt. Das gehört gefragt, bevor es gedeutet wird. Eine Anfrage an die Verwaltung, ob und wann weitere Berechnungen erfolgt sind, würde die Lücke klären; unabhängig davon ließe sich ein Trend mit den frei lizenzierten europäischen Versiegelungsdaten des Copernicus-Programms prüfen, die methodisch eigenständig sind.
Bochum hat sich ein Messinstrument gebaut, das im Ruhrgebiet seinesgleichen sucht. Gemessen hat es bislang einmal.
Hinweise
Eigene Auswertung des ArcGIS-Dienstes der Stadt (383.069 Flächen, 7 Teilebenen), Abfrage 30. Juli 2026; Versiegelungsgrade über Klassenmitten genähert, daher leicht über der amtlichen Angabe. Rund 18 Prozent der Flächen tragen keine Flächenangabe (Splitterpolygone); für die Summen wurde die städtische Gesamtfläche gegengeprüft (99,96 Prozent Deckung). Der Begleittext der Stadt zur Versiegelungskarte (PDF) ließ sich maschinell nicht lesen (defekte Zeichenkodierung) und ist vor einer Veröffentlichung im Original zu prüfen. Ebenso zu prüfen: der Beschlusswortlaut zu 20231069 (Niederschrift der Ratssitzung vom 4. Mai 2023) und der Umsetzungsstand von „Tegelwippen” (20242393).