Die Stadt als Experiment: Verkehrsversuche im Ruhrgebiet
Wo Kommunen ihre Straßen auf Probe umbauen, wie die Versuche ausgehen und warum gerade überall Schulstraßen getestet werden.
Mit KI-Unterstützung erstellt: Recherche, Datenauswertung und Textentwurf von einem KI-Assistenten, Redaktion und Freigabe von Wolf Witte. Verbindlich sind die verlinkten Originaldokumente.
Wenn eine Stadt nicht sicher ist, ob eine Straße anders funktionieren würde, muss sie es nicht endgültig entscheiden: Das Straßenverkehrsrecht erlaubt es, Verkehrsregelungen zur Erprobung anzuordnen, befristet und mit der Pflicht, hinterher hinzusehen. Aus diesem unscheinbaren Instrument ist in den Ratsunterlagen des Ruhrgebiets ein eigenes Genre geworden: der Verkehrsversuch, mit Beschluss, Widerspruch, Evaluation und am Ende einer Entscheidung über Dauerzustand oder Rückbau.
In den Beständen der zehn an transparent.ruhr angebundenen Körperschaften finden sich 38 Vorgänge, die einen Verkehrsversuch schon im Titel führen, und weitere gut 50, in denen er im Dokumenttext auftaucht, etwa in Evaluationsberichten oder Anfragen. Kuratiert auf tatsächliche Erprobungen im Straßenraum bleiben vierzehn Versuchs-Schauplätze in sieben Städten. Die Karte zeigt sie mit ihrem jeweiligen Stand.
Karte: eigene Darstellung; Verortung über die in den Vorlagen genannten Straßen (Nominatim/OpenStreetMap). Der Bochumer Punkt „Pop-up-Radweg Wittener Straße” (abgebrochen) liegt im dichten Cluster teilweise verdeckt.
Drei Bochumer Versuche, drei Ausgänge
Die dichteste Überlieferung hat Bochum, und sie zeigt die ganze Spannweite dessen, was ein Versuch werden kann.
Der Pop-up-Radweg auf der Wittener Straße wurde im November 2022 mehrheitlich beschlossen; konkurrierende Anträge scheiterten in derselben Sitzung (1, 2, 3). Ein halbes Jahr später verlangte ein Antrag, die ÖPNV-Beeinträchtigung durch den Versuch zu beenden; er wurde abgelehnt. Im August 2023 endete der Versuch dennoch vorzeitig: Die Verwaltung brach ihn ab, begleitet von mehreren Vorgängen in Ausschüssen und Bezirksvertretung.
Der Verkehrsversuch mit Einbahnstraßenregelung in der Oskar-Hoffmann-Straße nahm den umgekehrten Weg. Ein Bezirks-Antrag gegen den Versuch fand keine Mehrheit, eine Anfrage zur Schulwegsicherheit wurde beantwortet und zur Kenntnis genommen, und im Juli 2026 fasste der Rat den Grundsatzbeschluss, die Straße zwischen Universitätsstraße und Steinring auszubauen: Aus dem Provisorium wird Dauerzustand.
Der dritte große Fall läuft noch: Der Verkehrsversuch auf der Hattinger Straße in Linden beschäftigt die Gremien seit Ende 2024 (Anfrage 2024, Anfrage 2025); ein Änderungsantrag scheiterte 2025, und für 2026 steht die Evaluation an. Daneben lief es auch eine Nummer kleiner: Den Verkehrsversuch zur Ortsfahrbahn der Wattenscheider Straße beschloss die Bezirksvertretung 2024 einstimmig.
Die Schulstraßen-Welle
Quer durch die Region taucht seit 2023 dasselbe Motiv auf: Straßen vor Schulen, die zu Bring- und Abholzeiten für Autos gesperrt werden. In Bochum begann es mit dem Antrag „Eltern-Taxis aussperren”, dessen Beschlussfassung Ende 2023 einstimmig erfolgte; der daraus entstandene Verkehrsversuch „Schulstraße” in Langendreer wurde 2025 und 2026 mit Berichten begleitet und gilt der Verwaltung als abgeschlossen. Moers ließ sich 2024 einen Sachstandsbericht samt Vorschlag zum weiteren Vorgehen geben (einstimmig beschlossen), Castrop-Rauxel berichtete über Straßensperrungen im Nahbereich von Schulen, Essen beschloss im Juli 2026 die Erprobung einer temporären Schulstraße, und in Hamm liegen mit „Schulstraße oder Sicherheitszone Erzstraße” und dem Verkehrsversuch Fichtestraße (Beratung im Oktober 2026) gleich zwei Vorgänge auf dem Tisch. Der Verkehrsversuch ist hier das Vehikel, mit dem eine bundesweit diskutierte Idee in kommunale Einzelentscheidungen übersetzt wird.
Außerhalb der Großstädte
Gladbeck führt die längste Versuchsgeschichte im Bestand. Auf der Buerschen Straße wurde Ende 2022 ein Verkehrsversuch zur Erprobung einer geänderten Verkehrsführung beschlossen, 2024 folgte die Variante Mischverkehr, 2025 die Überführung in konkrete Planänderungen und die Vorlage zur zukünftigen Verkehrsführung. Dass das Instrument nicht neu ist, zeigen zwei ältere Gladbecker Vorgänge: der Verkehrsversuch Friedrich-Ebert-Straße/Willy-Brandt-Platz von 2013 und der Zwischenbericht zum Parkversuch auf dem Marktplatz von 2014.
In Neukirchen-Vluyn verband der Rat 2023 einen Verkehrsversuch in Hochkamer mit der Sanierung der Kreisstraße 9; ein Jahr später folgte eine Vorlage zur Geschwindigkeitsreduzierung auf derselben Straße. Zur Europäischen Mobilitätswoche 2023 gab es einen Verkehrsversuch im Vluyner Zentrum, flankiert von einer Vorlage zur Unterstützung der betroffenen Geschäftsleute: ein seltener Fall, in dem die wirtschaftlichen Nebenwirkungen eines Versuchs eigens Gremiengegenstand wurden.
Was sich über die Ausgänge sagen lässt
Über alle vierzehn Schauplätze hinweg ergibt sich kein einheitliches Bild, aber ein wiederkehrender Rhythmus: Beschluss gegen Widerstand (die Gegen- und Änderungsanträge scheiterten in Bochum durchweg), dann eine Phase der Anfragen und Berichte, dann die Entscheidung. Von den abgeschlossenen Versuchen mündete einer im Abbruch (Wittener Straße), einer im dauerhaften Ausbau (Oskar-Hoffmann-Straße), einer in fortlaufender Planung (Buersche Straße); die Schulstraßen-Versuche gelten dort, wo Berichte vorliegen, als unauffällig bis erfolgreich. Ob ein Versuch übrigens tatsächlich evaluiert wurde, überliefern die Ratsunterlagen zuverlässiger als manches Ergebnis selbst: Die Evaluations- und Sachstandsvorlagen sind zahlreich, die hinterlegten Abstimmungsergebnisse lückenhaft.
Hinweise
Datengrundlage: Titel- und Volltextsuche über die Bestände der zehn angebundenen Körperschaften (Begriffe: Verkehrsversuch, versuchsweise, probeweise, Pilotversuch, Modalfilter, Diagonalsperre), Abfrage 13. August 2026; Beratungsergebnisse aus den hinterlegten Tagesordnungsdaten. Bei Gladbeck, Castrop-Rauxel, Hamm, Neukirchen-Vluyn und Sprockhövel überliefern die Ratsinformationssysteme Beratungsergebnisse nur lückenhaft; wo „kein Ergebnis” steht, sagt das nichts über den tatsächlichen Ausgang. Die Kuratierung von 92 Kandidaten auf 14 Schauplätze schloss Fehltreffer aus (etwa „probeweise” Mittagsverpflegung oder Mülleimer). Essen taucht mit nur einem Schauplatz auf; ob dort weitere Versuche unter anderen Begriffen laufen, wurde nicht abschließend geprüft. Die Volltexte der Evaluationsberichte (etwa zur Hattinger Straße 2026) sind noch nicht ausgewertet; dort lägen die inhaltlichen Ergebnisse wie Verkehrs- und Unfallzahlen.